Abgrenzung ohne Ausgrenzung
Wie eine Schneeflocke im Wasser
Um noch einmal das Bild unseres Wesens wie eine Schneeflocke im Wasse zu verwendenr. Die Schneeflocke hat eine eigene Form
die sichtbar ist - und zugleich ist sie Wasser. Beides zugleich. Es ist gesund,
seine Grenzen genauso zu entwickeln wie die Schneeflocke. Eine sichtbare
und klare Abgrenzung zum Gegenüber und zugleich mit ihm verbunden. Doch
das braucht unsere ganze Achtsamkeit und Liebe. Grenzen setzen heißt: Abgrenzung ohne Ausgrenzung.
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Grenzen aus Eis
Aber Grenzen setzen will gelernt sein. Die meisten von uns tendieren dazu, nach Verletzungen kalt zu werden - sich auszugrenzen statt abzugrenzen. Aus
der Schneeflocke wird ein Eisstück. Fest, aber ohne eine Verbindung zur
Umgebung. Kein Austausch mehr. Einsamkeit, Ausgrenzung, Abgeschnittensein.
Ein Eisstück treibt auf dem Wasser, aber es hat nicht mehr viel davon,
da das Spiel mit dem Wasser an seiner Oberfläche endet. Ausgrenzung ist keine Abgrenzung - es ist das Ende eines intimen Kontakts mit der Umwelt.
Hier ist es wohltuend, sich langsam in das umliegende Wasser hinauszuwagen
- man schwimmt ja eh schon darin. Das Eis weicher werden zu lassen und mit
dem großen Zeh der vorsichtigen Selbstoffenbarung und Empathie den Austausch
zu beschnuppern. Vielleicht zuerst mit sich selbst im stillen Kämmerlein,
dann vielleicht mit seinen Liebsten und am Ende vielleicht im irdischen und
kosmischen Alltag.
Aufgelöste Grenzen
Man könnte sich dann fragen: Wozu dann noch Grenzen setzen? Doch ohne Abgrenzung geht's nicht. Das Gegenstück zu Mauern des Ausgrenzens sind aufgelöste Grenzen. Die Schneeflocke
ist keine Schneeflocke mehr, sondern nur noch Wasser. Alle Individualität
ist dahin, der eigene Weg im Leben futsch, alle Spannung verloren. Das Eigene
hat sich zur Unkenntlichkeit mit dem Umgebenden vermischt. Wer bin ich eigentlich
noch?
Hier hilft eine Bereinigung des eigenen Selbst, eine Restauration der eigenen
Grenzen. Was ist wirklich meins und gehört beschützt, gehütet
und geehrt? Was fehlt mir an Anteilen von mir, die auf dem Weg in Situationen
oder bei anderen Menschen liegengeblieben sind? Was habe ich von anderen übernommen
und gehört überhaupt nicht zu mir? Hier geht es darum, das Eigene
zu umarmen und Verantwortung dafür zu übernehmen sowie das Fremde
abzugeben und Verantwortung zurückzugeben. Das erste macht selbstbewusster,
das zweite leichter.
Grenzen setzen und Abgrenzung ist ein lebenslanger Job, und weder Ausgrenzung noch symbiotische Verschmelzung machen uns glücklich.




